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Format: 21 x 30 cm
68 Seiten
geheftet
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Der österreichische Ernst-Jandl-Preis oder: Gleich hobeln oder gleichhobeln
von Gerhard Ruiss
Um mit den Energieüberschüssen aus der in Österreich nicht möglichen direkten Konfliktaustragung fertig zu werden, haben sich einige spezifisch österreichische Eigenarten zur Behandlung und Bewältigung von Konflikten herausgebildet, auf der verbalen Ebene das Räsonieren, auf der Handlungsebene das Austricksen. Und zwar frei nach dem neben Johann Nestroy zweiten Erneuerer des Wiener Volkstheaters, Ferdinand Raimund, in seinem Hobellied: Der eine trickst den andern aus, "am End weiß keiner nix". Anstelle des Schicksals, das in der österreichischen Biedermeier- und Vormärz-Gesellschaft Ferdinand Raimunds den Hobel ansetzt und alle gleich hobelt bzw. gleichhobelt, setzen sich in der Gegenwart die davon unbeeindruckten Verhältnisse einfach fort bzw. die gewünschten politischen Absichten der Regierung durch. Und weil sich politisch ohnehin nichts ausrichten läßt, hat man wenigstens etwas für die Legendenbildung und das legendäre der eigenen Rolle in einer weiteren Legende der vielen Legenden vom Wissen und Nichtwissen in Österreich getan.
Einer Regierung, die nicht nur regieren, sondern gleich auch die jüngste und die Geschichte der Ersten und Zweiten Republik Österreich umschreiben und bruchlos den Anschluß an eine neoliberale Weltwirtschaftsordnung finden will, kann das nur recht sein. Weiß eh keiner nix, und die was wissen, mischen beim Austricksen mit.
Seit kurzem gibt es, neben den vielen anderen Literaturpreisen, die es in Österreich und Deutschland und anderswo seit kurzem gibt, den von der Republik Österreich ins Leben gerufenen internationalen "Ernst-Jandl-Lyrikpreis", der eines der Verhandlungsergebnisse des für Kunst zuständigen Staatssekretärs mit österreichischen Autoren über die Verbesserung der sozialen Situation gewesen sein soll, an dessen Thematisierung sich aber keiner der verhandelnden Autoren erinnern kann.
Gibt es etwas Idealeres als einen staatlichen Preis, der für Autoren, die mit einem für Kunst zuständigen Staatssekretär über die Verbesserung der sozialen Situation der Literatur verhandelt haben, kein Thema war und der den Namen eines Autors trägt, der gegen die Bildung der Regierung, die ihn vergibt, eingetreten ist? Ist es nicht geradezu logisch, daß sich eine Regierung, der von diesem Autor gemeinsam mit zahlreichen anderen österreichischen Autoren in einer Erklärung das Recht aberkannt wurde, im Namen der Kultur zu sprechen, einen nach ihm benannten Preis zur Aufgabe macht? Es ist logisch, weil sich damit die Verhältnisse fortsetzen und die politischen Absichten der Regierung durchsetzen lassen.
Wird doch gefördert, wie eh und je, und wird doch sogar noch mehr gefördert, wenn es auf einmal einen Preis und noch dazu in einer Sparte gibt, in der es vorher keinen Preis gab. Wird doch sogar noch viel mehr gefördert, als vorher gefördert worden ist, wenn es einen international vergebenen Preis in einer Sparte gibt, in der zuvor in Österreich niemand in die Lage gekommen wäre, ausgezeichnet zu werden. Was man sich bei der Gelegenheit auch gleich samt und sonders ersparen kann, weil ja sowieso davon auszugehen ist, daß zuvor alles unternommen wurde, um der Lyrik und insbesondere der in Österreich entstehenden Lyrik den Stellenwert zu verschaffen, der ihr gebührt, so daß sich also die Zuwendung zu internationalen Spitzenleistungen geradezu aufdrängt.
Sollte sich herausstellen, daß in Österreich oder von österreichischen Autoren geschriebene Lyrik dieser internationalen Konkurrenz nicht gewachsen ist, kann das natürlich nicht ohne Folgen für die zahlreichen der österreichischen Lyrik gewidmeten staatlichen Förderungen bleiben. Es gibt keine? Dann muß eben in anderen literarischen Bereichen ein strengerer Maßstab angelegt werden, wo zumindest nicht auszuschließen ist, daß Lyrik entsteht und Verbreitung findet. Und immerhin gibt es ja auch die privaten Lyrikpreise in Österreich und Deutschland. Hat nicht erst vor kurzem wieder eine österreichische Autorin einen solchen Preis mit einem gewaltigen Preisgeld für ihr lyrisches Debüt in einem österreichischen Verlag von einer deutschen Stiftung erhalten?
Sie hat. Vielleicht war das Preisgeld doch nicht ganz so hoch, aber sie hat. Also worüber sich den Kopf zerbrechen? Vielleicht darüber, daß die österreichische Regierung im Jahr zuvor eine schwache Million Euro oder zehn Prozent der Literaturförderung gestrichen hat und mit dem heurigen Jahr, wo diese Kürzung beibehalten worden ist, für Literaturförderungen schwache zwei Millionen Euro weniger ausgibt bzw. in ihrer gesamten Legislaturperiode vier schwache Millionen Euro weniger, wenn sie einen neuen international ausgeschriebenen Literaturpreis in einer Sparte, in der ohnehin schon alles gefördert worden ist, was je einen Mucks von sich gegeben hat, jedes Jahr oder vielleicht alle zwei Jahre, weil es doch nicht so viel Förderungswürdiges gibt, mit 14.534 Euro dotiert?
Worüber sich aufregen? Vielleicht darüber, daß der für seine guten Kontakte zu austricksenden Kreisen bekannte und nebenberuflich als Kulturressortchef der österreichischen Tageszeitung Die Presse tätige Kulturkritiker Hans Haider einen Tag, bevor die Austria Presse Agentur und alle österreichischen Tageszeitungen von der Preisvergabe wußten, bereits eine ausführliche Würdigung des Preisträgers in der Presse veröffentlichen konnte, obwohl er mit dem Preis nicht das geringste zu tun hat? Oder am Ende gar darüber, daß es nach der Wallfahrt der österreichischen Bundesregierung nach Mariazell am Ende der diplomatischen Sanktionen der EU gegen die österreichische Bundesregierung und dem Rückzug des österreichischen Bundeskanzlers im heurigen Sommer in ein Kloster auch zu einem Rückzug der Lyrik bei der Verleihung des Jandl-Lyrikpreises samt Symposium in eine klösterliche Umgebung kommt?
Wie immer in Österreich, wenn es um etwas geht, wird gleich gehobelt oder auch nur gleichgehobelt, wer kann das schon wissen, wenn das nirgends geschrieben steht, so daß man es lesen und unterscheiden könnte?
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