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Offener Brief an Herrn Nationalratsabgeordneten Khol
 
"Ich bin kein Rohstoff!"
 
Herr Abgeordneter,
 
Sie haben kürzlich in einer Rede im Parlament, die im Fernsehen übertragen wurde, die Menschen Österreichs als "Rohstoff" bezeichnet. Um eines gleich klarzustellen: Ich bin kein Rohstoff, meine Kinder sind kein Rohstoff, meine Freunde und Bekannten sind kein Rohstoff. Wer sind Sie und zu wem sprechen Sie? Sind Sie nicht Mitglied einer Regierungspartei, ein Politiker, wenn nicht gewählt, so doch durch Wahlarithmetik an die Regierung gelangt? Warum führen Sie dann die Sprache der salonfähigen Verbrecher, die ihre Verbrechen unter dem Deckmantel der Wirtschaft und Wissenschaft begehen. Für die der einzelne doch nur Rohstoff ist, Humankapital, das er verbrauchen und vernutzen kann, wenn er daran nicht gehindert wird. Und ist es nicht Aufgabe des Staates und der Regierung den einzelnen vor dem totalen Zugriff dieser Verbrecher zu schützen und ihm diesen Zugriff nicht auszuliefern? Denn es ist eine menschenverachtende Sprache, die den einzelnen als Rohstoff begreift - Rohstoff, das ist unvernutzes Material, das auszubeuten und zu verbrauchen ist. Einer Ihrer Kollegen hat ja noch nachgelegt und die Menschen dieses Landes als "Kapital" bezeichnet. Auch hier muß widersprochen werden. Und vor allem dem Ungeist, von dem diese, zweifellos "fortschrittlichen" Äußerungen getragen sind. Welcher Grad von Barbarei und Menschenverachtung ist erreicht, wenn der einzelne, von jenen, die ihn vertreten sollen, im Parlament ungestraft als Rohstoff und Kapital bezeichnet werden kann? - Von einem, der diesem Rohstoff zu dienen hat, denn - um auch das klar zu stellen -, Sie sind für die Menschen da, die Sie als Kapital und Rohstoff bezeichnen und nicht diese Menschen für Sie, wie es ihr Sprachgebrauch verrät. Sie haben die Interessen dieser Menschen zu vertreten und sie nicht als Rohstoff oder Kapital zu bezeichnen und Ihnen durch diese Sprachwahl alles zu nehmen, was einen Menschen ausmacht und vor allem eines: die Würde. Oder das, was jedes einzelne Parteimitglied gleich beim Eingang in das Parteilokal abgeben muß wie einen Stimmzettel. Denn was Sie dort gelernt haben ist: die Partei zu vertreten. Sie haben aber nicht eine Partei zu vertreten, sondern in erster Linie die Menschen in diesem Land. In einer Partei, das gebe ich Ihnen zu, ist das einzelne Parteimitglied Rohstoff und Kapital. Gut das haben Sie sich ausgesucht. Die Parteiendemokratie aber hat niemand gewählt. Und das wir heute von Leuten regiert werden, die im Parteigehorsam geschult sind, macht solche Verwechslungen möglich.
 
Natürlich werden Sie einwenden, daß Sie es anders gemeint haben - daß aber, Herr Khol, interessiert nur Ihresgleichen, denn was immer Sie auch gemeint haben, so habe ich doch gehört, was Sie gesagt haben und es wird nicht anders klingen, wenn Sie es wiederholen. Und das Gesagte ist durch Meinen nicht aus der Welt zu schaffen.
 
Schließlich fällt es auch in die Verantwortung Ihrer Kollegen ein "Lebensministerium" und ein "Zukunftsministerium" gegründet zu haben - das sind ja schon Orwellsche Abgründe, hinter denen sich nur die Maßlosigkeit und Anmaßung verbirgt "Leben" und "Zukunft" verwalten zu können, wie ja auch der einzelne verwaltet werden muß, was aber ein Irrtum ist, denn sie haben nicht den einzelnen zu verwalten, sondern die sozialen Bedürfnisse des einzelnen.
 
Natürlich möchte man hören, daß Sie es anders gemeint haben, oder nur aus Dummheit oder mangelndem Sprachbewußtsein so gesprochen haben, doch läßt die Wiederholung diese Schmerzmittel nicht zu, sondern weist in aller Deutlichkeit darauf hin, das sich hier etwas ausspricht - und man muß sagen: schamlos ausgesprochen wird - das längst Realität ist: daß der einzelne und das Leben des einzelnen nur noch als Kalkül Ihrer politischen Ambitionen - oder das, was Sie für Politik halten - existiert.
 
Und das sich hier etwas ausspricht, das schon einmal Realität war. Wo der einzelne nur Kapital, nur Rohstoff war, in einer ausschließlichen, menschenverachtenden und noch nie dagewesenen Weise. - Sie sehen also, so fortschrittlich ist das gar nicht, was Sie sagen. Oder es war immer schon fortschrittlich (Dann hätte der N.A.Z.I.buchstabierer gar nicht so falsch assoziiert).
 
Im übrigen werde ich eine Entschuldigung Ihrerseits nicht akzeptieren.
 
Hätte ich die finanziellen Mittel, würde ich Sie klagen. Und es wundert mich, daß es noch niemand getan hat. Vielleicht weil das Bildungsniveau so hoch ist, daß das Empfinden nicht mehr mitkommt.
 
Erhellt dieser Brief Ihr Bewußtsein, könnten Sie auch beantragen in die Verfassung den Satz: Der Mensch ist kein Rohstoff, aufzunehmen.
 
Als Genugtuung allerdings wäre es zuwenig.
 
 
Alfred Goubran
 
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